Jede zweite Klinik in Deutschland „kann weg“, ließ die Bertelsmann-Stiftung kürzlich verlauten. Damit nämlich sollte sich die Qualität der Patientenversorgung erheblich steigern lassen, da die verbleibenden Krankenhäuser mehr Fälle versorgen und folglich aus der größeren Erfahrung der Ärzte auch eine bessere Behandlung resultiert.

Das klingt plausibel – jedenfalls auf den ersten Blick, wenn man lediglich Zahlen betrachtet und zudem den Komfort eines großstädtischen Umfelds genießt. Da nämlich gibt es oft genug gleich mehrere Kliniken, die alle eine Notaufnahme haben, identische Spezialabteilungen haben und diverses medizinisches Großgerät gleich mehrfach vorhalten. Viele dieser Großstadtkliniken haben auch die immer gleichen Probleme: Zu wenig Pflegepersonal, marode Bausubstanz, labyrinthartige Gänge, keine Erweiterungsmöglichkeiten. Da haben die Bertelsmann-Experten recht: Eine Zusammenlegung könnte hier vieles verbessern, und den kleinen Preis, einen Stadtteil weiter fahren zu müssen, wird wohl jeder gerne in Kauf nehmen.

Aber wie sieht es denn auf dem Land aus? Da geht es nicht um mehrere Kliniken in einem Ort, sondern um jeweils eine, die einen ganzen Umkreis versorgt und gewährleistet, dass medizinische Notfälle binnen kurzer Zeit versorgt werden können. Denn oft genug geht es darum, dass eine Untersuchung, eine Diagnose oder ein Eingriff schnellstmöglich erfolgt. Als Mutter von fünf Kindern liegt mir viel daran, dass eine Notaufnahme schnell erreichbar ist. Wer möchte schon längere Zeit mit einem verletzten Kind übers Land fahren? Und jeder Schwangeren wird wohl angst und bange werden beim Gedanken, unter Wehen eine Stunde über Landstraßen gefahren zu werden, immer in der Gefahr, ihr Kind ohne kundige Hilfe auf dem Beifahrersitz gebären zu müssen.

In anderen Fällen geht es um weniger dramatische Dinge wie Beinbrüche, Routineoperationen, Diabetesversorgung – da braucht man weder aufwändige Technik noch hochspezialisierte Mediziner. Da ist es oft wichtiger für die Genesung, wenn man nicht nur gut versorgt und gepflegt wird, sondern auch regelmäßig von Freunden und Verwandten besucht werden kann. Das gilt gerade für Kinder oder ältere Menschen, aber umso mehr für jene, die auf Palliativstationen in ihren letzten Tagen vertraute Menschen um sich brauchen.

Man stelle sich auch vor, was eine Schließung von ländlichen Kliniken für die ohnehin schon ausgedünnte Infrastruktur bedeuten würde. Bereits jetzt ist es in vielen Gegenden so, dass gar keine Arztpraxis mehr vorhanden ist. Wenn dann auch noch Kliniken geschlossen werden, wird es Regionen geben, die ganz ohne medizinische Nahversorgung auskommen müssen. Für viele ältere Menschen hätte das verheerende Folgen. Und kann man ernstlich erwarten, dass jemand, der eine Familie gründen möchte, in eine Gegend zieht, in der Arztpraxis und Apotheke erst drei Orte weiter zu finden sind? Man wird wohl davon ausgehen dürfen, dass unter solchen Bedingungen die Abwanderung vom Land in die Städte nur noch beschleunigt wird.

Natürlich, wir brauchen dringend eine Reform unseres Gesundheitswesens. Aber so einfach, wie es sich die Rechenkünstler bei Bertelsmann am grünen Tisch ausgedacht haben, geht es dann doch nicht. Da müssen lokale Strukturen und Gegebenheiten berücksichtigt werden. Da kann man gut funktionierende Systeme sichern, statt sie mutwillig zu zerschlagen. Und da dürfen nicht nur ortsfremde Betriebswirtschaftler und Buchhalter den Ton angeben. Da müssen vor allem diejenigen entscheiden, die vor Ort politische Verantwortung tragen und sich ganz genau auskennen mit ihrer Region und wissen, was die Menschen dort brauchen. Denn eines sollte auch den Bertelsmann-Experten bewusst sein: Wenn wir über Gesundheit reden, dann reden wir über Menschen. Und gerade bei diesem so sensiblen Thema, das jeden von uns angeht, dürfen Kostenreduktionen oder gar Gewinnmaximierungen keine Rolle spielen. Hier geht es um essenzielle Fragen des Daseins. Es geht um das Wohl der Menschen, nicht um wirtschaftliche Effizienz.

Ich bin sehr dafür, dass unser Gesundheitssystem und besonders unsere Krankenhäuser deutlich verbessert werden. Für mich heißt „Verbesserung“ aber, dass die Qualität der Versorgung für alle besser wird, nicht nur für die, die es sich leisten können und das Glück haben, in einer großen Stadt zu leben. Das ist keine unlösbare Aufgabe, aber dafür muss ein einen starken politischen Willen abseits der Interessen von Lobbyisten und Investoren geben. Ich wünsche mir, dass sich nach der Wahl eine Mehrheit für ein mutiges und zukunftsorientiertes Krankenhausgesetz findet. Ich jedenfalls bin bereit, im Sinne der Menschen in Sachsen daran mitzuwirken.