Gedenken als Mahnung

Am Sonntagvormittag versammelten sich einige Menschen zu einer kleinen Gedenkfeier am Borsdorfer Heimatmuseum, um an die Leiden der Menschen während der Todesmärsche durch das Muldental im Jahr 1945 zu erinnern. Die Verantwortung, die sich daraus für uns alle heute ergibt, habe ich in meinem Redebeitrag thematisiert.

Das Foto entstand erst im Anschluss an die Rede beim anschließenden Austausch.

Liebe Teilnehmende unserer Gedenkfeier,

wir reden immer viel davon, dass wir auch aus historischen Erfahrungen lernen sollen. Für mich persönlich ist der 8. Mai so ein Datum. Aus ihm habe ich gelernt, dass es in Deutschland nie wieder Faschismus und nie wieder Krieg geben darf. Daraus folgt für mich, den Anfängen zu wehren. Lassen Sie mich dazu zurückblicken.

Am 8. Mai 2019 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und der Nazidiktatur in Europa zum 74. Mal. Noch in den letzten Kriegstagen versuchten SS und Gestapo die von ihnen begangenen Verbrechen durch neue Verbrechen zu verwischen. Konzentrationslager, Zwangsarbeitslager und Haftlager der verschiedensten Art in Leipzig und Umland wurden durch sie geräumt und tausende bisher dem Tod entronnene Häftlinge auf lange, oft ziellose Märsche auch durch das Muldental getrieben. Viele der Gehetzten und Geschundenen starben vor Hunger und Durst, an völliger Entkräftung und durch die Schüsse der SS-Wachen.

Um die Erinnerung an die vielen Opfer dieser Todesmärsche aufrecht zu erhalten und um ihrer zu gedenken, sind alle Bürgerinnen und Bürger der Region dazu aufgerufen, gemeinsam heute am 5. Mai 2019 am 20. Gedenken für die Opfer der Todesmärsche an verschiedenen Orten im Muldental teilzunehmen und damit ein Zeichen für Demokratie, Frieden und Menschlichkeit, gegen Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus zu setzen.

Wir erinnern uns an das, was damals geschah.

Auf den Straßen durch das Muldental

Der Vorstoß der Roten Armee und der Alliierten veranlasste die SS zu überstürzter Eile bei der Räumung der Arbeitslager und dem Abtransport der Häftlinge. Am 13. April 1945 erreichten die Amerikaner Weißenfels. Der größte Teil der Leipziger Lager ging an diesem Tag, dem 13. April 1945, am späten Nachmittag auf Nachtmarsch in Richtung Wurzen. Vorgegebenes Ziel war der kürzeste Weg zur Überquerung der Mulde bei Wurzen und der Elbe bei Riesa bis Glaubitz. Auf den Straßen war es relativ ruhig, bis auf das Grollen der Geschütze. Für die Flüchtlinge waren die Ziele begrenzt. Für die Kraftfahrzeuge herrschte Benzinmangel. Nur Tiefflieger sorgten für Unruhe. Jeder beobachtete das undurchsichtige Kampfgeschehen, mit dem Gedanken, wie das alles enden wird. Bahntransporte waren kaum noch möglich. Von den Lagern führten die Wege zur Hauptroute, die damalige Fernverkehrsstraße F6. Der erste und längere Halt nach dieser etwa 28 anstrengenden und beschwerlichen Kilometern war in Bennewitz und auf den Muldenwiesen bei Wurzen.

Wenn Kilometersteine erzählen könnten

Frau L. aus Gerichshain erzählte: „Eines Nachts hörte ich das Klappern von Hundertern Holzpantoffeln. Es klang fürchterlich. Es kamen noch mehrmals solche Züge von Häftlingen durch Gerichshain.“ Sie wünschte sich, dass ihren Kindern und Enkelkindern solche Anblicke und Erlebnisse erspart blieben. „In Machern, Ortsausgang Leipziger Straße zwischen Kilometerstein 133 04 und dem Haus Nr. 18, hier war zu jener Zeit noch ein Straßengraben, starb der erste Häftling der vorbeiziehenden Kolonne. Die Marschierenden – es war ein müdes Dahinschleichenden der Frauen und Mädchen – kamen schweren Schrittes und der Erschöpfung nahe, dabei immer wieder angetrieben von den Aufseherinnen. Hier konnte ein Mädchen um die 17 Jahre jung nicht mehr weiter gehen. Sie brach kraftloszusammen. Auf der Stelle wurde sie sofort erschossen und liegengelassen. Der Zug der Gefangenen entfernte sich. Beherzte Frauen sorgten sich um die Bestattung auf dem Friedhof.

Die Toten der Nazi-Gewaltherrschaft sind uns Mahnung!

SCHWEIGEMINUTE

Wir leben in einer Zeit, in der es gilt aufzustehen, nicht länger zu schweigen und Unrecht als Unrecht beim Namen zu nennen. Es gibt insbesondere hier in Sachsen Gruppen, die mit ihrer rassistischen Hetze gegen Geflüchtete und Muslime ein Klima geschaffen haben, in dem eine Terrorgruppe wie „Revolution Chemnitz“ ihr Unwesen treiben kann.

Denken wir an den 1. Mai in Plauen. Es ist noch keine 5 Tage her, da erlebten wir, wie der dritte Weg als nationalrevolutionäre Bewegung zum Arbeiterkampf uniformiert und mit Fackeln ausgerüstet mit Genehmigung der Behörden durch die Straßen der Stadt zieht.

Wie kommt es, dass wir uns mittlerweile seit Jahren mit diesen rechtsextremen Auswüchsen auseinandersetzen müssen?

Ich möchte meinen Blick auf eine Partei richten, die gewissermaßen der Katalysator solcher Stimmungen ist – und das ist die AfD.

Hier sind es sind die unablässig vorgetragenen Hetzparolen dieser Partei, die das Klima vergiften und Menschen zur Gewalt gegen Juden, gegen Muslime, gegen Geflüchtete und gegen Andersdenkende aufstacheln. Hier der Biedermann – da die Brandstifter.

Gerade kürzlich ist eine Studie der Leipziger Universität herausgekommen, die besagt: Jeder dritte in der Bundesrepublik hat rassistisches Gedankengut und es gibt eine wachsende Feindschaft in der Bevölkerung gegenüber Minderheiten.

Und es ist die AfD, die alles dafür tut, um die Nazivergangenheit zu relativieren. Gauland, der die Verbrechen der Nazis als „Vogelschiss“ verharmlost hat, hat ebenso seinen völkischen Nationalismus in seinem Lob der Soldaten zweier Weltkriege zum Ausdruck gebracht. Das sind alles bewusste Provokationen, um Geschichte zu relativieren, um die Nazivergangenheit zu relativieren.

Und ich glaube, es ist wichtig deutlich zu machen, dass diese Partei, aus der sich führende Personen immer wieder positiv auf den Nationalsozialismus beziehen, in den Medien als normale Partei behandelt wird.

Ich sage: Damit muss Schluss sein!

Denn Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen! Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!

Und natürlich sind bei der Mehrheit der Bevölkerung der Nationalsozialismus und der Holocaust negativ belegt und Menschen haben auch Schwierigkeiten damit in Verbindung gesetzt zu werden. Aber genau in diesen Verharmlosungen und dem ‚Das wird man doch wohl noch sagen dürfen‘ wird der Bodensatz gelegt für rechtes Gedankengut.

Deswegen ist es wichtig, Haltung zu zeigen und keinen Millimeter nach rechts zu rücken. Dabei zu sein bei großen Veranstaltungen wie ‚Aufstehen gegen Rassismus ‘ oder an Bürgerfesten gegen rechts teilzunehmen.

Es sind aber auch die kleinen stillen Veranstaltungen wie diese, die zum Innehalten und zur Mahnung aufrufen.

Die Toten der Nazi-Gewaltherrschaft sind uns Mahnung.

Ich danke für Ihr Kommen.

Rede Birgit Kilian zum Gedenken an die Opfer der Todesmärsche 05.05.2019